Zweiter Teil des Königsbuchs

 

Dastan-Zal, der Wildnis preisgegeben

 

 

In Sistan, eine Provinz südöstlich vom heutig Iran, welche man auch Mittagsland nannte, regierte einst Sam.

Er war ein Fürst von edler Herkunft und Manutscher, dem weisen Herrscher über Iran, treu ergeben.

Er war ein gerechter Herrscher. Das einzige, das ihm fehlte war ein Sohn, der nach ihm den Thron besteigen sollte.

Er betete zu Ahuramazda und versprach ihm mehr Opfergaben, doch sein Sehnen nach einem Sohn blieb ohne Erfüllung. Die Trauer beugte seinen Rücken, doch der gütige Gott Ahumazda war größer als wir denken können, denn als Sam alle Hoffnungen aufgab, reifte im Leib seiner Frau ein Kind heran, das bald so schwer wurde, dass die Frau unter der Last seufzte.

Sie gebar ihm einen Knaben.

Er war gesund, kräftig wie ein junger Elefant und schön wie kaum ein anders Neugebornes. Nur sein Haar war weiß. Keiner hatte jemals zuvor so etwas Ähnliches gesehen. So trauten sich niemand das Kind seinem Vater zu zeigen, da sie den Zorn und Unwillen Sams fürchteten.

 

So vergingen acht Tage. Sams Geduld war zu Ende und das Jammern im Frauengemach war sehr groß. Schließlich fasste einer der Frauen namens Amme ihr Mut zusammen und trat vor Sam hin und sprach: „Möge dich Gott Ahuramazda segnen. Mögest du immer der Sieger über deine Feinde sein. Wir bitten, dass Ahuramazda und der Himmel dir beschere, wonach dein Herz verlangt. Der liebe Gott hat dir einen Sohn geschenkt. Sein Gesicht ist so schön wie der Mond, der Leib stark und niemand zweifelt daran, dass er ein Held werden wird, größer als alle anderen die vor ihm waren.

Es gibt etwas Einzigartiges an dem Kind, das wohl Unwissende erschrecken mag. Sein Haar ist gänzlich weiß.

Gütiger Herr, nehmt Euren Sohn und seit dankbar, weil Gott ihm dies so gegeben hat. Die Welt ist voller Rätsel und Wunder. Werft nicht voreilig Euer Glück weg ehe Ihr es nicht gründlich überprüft habt.“

Kaum hatte Amme geendet, eilte Sam ins Frauengemach.

Er sah nur die weißen Haare des Kindes wahr und nichts anderes.

Zorn stieg in ihm auf und Schaum trat vor seinem Mund. Dies machte ihn blind für die anderen Vorzüge des Kindes.

Alle waren erstaunt, da Sam bisher ein Mann von Verstand war. Doch der falsche Stolz verwandelte ihn in einen Toren.

Er fürchtete den Spott der anderen Fürsten.

„Wie kann dieser Bastard mein Sohn sein?! Wie soll ich, der große Fürst Sam, ihn meinen Sohn nennen?!“

Er war seiner Sinne nicht mehr mächtig. So gab er den Befehl, dass das

Kind außer Landes geschafft und in der Wildnis ausgesetzt werden müsste.

Sein Wunsch war es, dass sein Sohn sterben sollte.

Die Diener, die diesen Befehl erteil bekamen, hatten Mitleid mit dem Kind. Sie dachten: „Wenn er in unsinnigerweise in der Wildnis ausgesetzt werden muß, wollen wir ihn zum Heiligen Berg Alborz tragen. Vielleicht wird der Kleine durch ein Wunder dort verborgen bleiben, so wie Feriedun, als Zahak ihn verfolgte.“

Und so geschah es. Der Jüngling lag schutzlos zwischen den Felsen. Der heiße Wind, verbrannte ihm das schöne Gesicht und die Haut. Es saugte an seinen Fingern und weinte kläglich.

Man sagt Löwe und Tiger lieben ihren Nachwuchs und besorgen ihnen reichlich Nahrung selbst wenn das Futter knapp ist. Sie suchen ihnen schattige Plätze unter einem Baum oder Felsen. Doch Sam blieb zurück ohne die Einsicht und Erbarmen seines Vaters.

   

Zum glück hatte Simorgh, der Wundervogel auf dem Gipfel des Bergs Albors ihr Nest gebaut. Eines Tages schwang sie sich auf, um ihre Jungen Nahrung zu beschaffen. Da bemerkte sie den schreienden Säugling auf dem nackten Gestein. Sie dachte: „ Was für ein Jammer! Das arme, hilflose Kind!“ Sie flog hin und hob den Knaben  auf und trug es zu ihren Jungen ins Nest, bettete ihn warm, brachte ihm Nahrung und zog ihn groß wie ein eigenes Kind.

 

 

 

So verging die Zeit. Der Junge wuchs und wuchs. Er wurde so stark, dass er ein Kamel tragen konnte.

Eines Tages als er einen Steinbock jagte, erblickte ihn ein Reiter einer vorbeiziehenden Karawane.

 

 

Lebensgeschichte des Zal

 

 

Bewundernd sah er zu, wie der junge Mann jagte. Die Menschen waren begeistert von seiner Anmut und sie erzählten jedem, der ihnen begegnete, welch eine seltsame Begegnung sie am Alborzkoh hatten.

 

Die Nachricht über den außergewöhnlichen Knaben erreicht auch Sam.

Seine Gedanken quälten ihn Tag und Nacht und sein schlechtes Gewissen setzte ihm zu, wie grausam er seinen Sohn behandelt hatte.

Oft erwachte er in der Nacht und weinend suchte er nach seinem Jungen.

 

 

Einmal träumte er, dass ein Ritter aus Hindustan kam und ihm eine Nachricht von seinem Sohn brachte, den er für tot hielt. Kaum war er wach rief den Mobedan, der Mann der zuständig für die Deutung der Träume war und fragte ihn nach dem Sinn des Traumes.

Der Mobedan sprach:

„O, Sam mein Herrscher! Jeder Mensch sieht die Welt auf die Weise, wie es in seinem Herz ist - der Herzlose herzlos - der Verblendete verblendet.

Der Löwe, der Fisch und das Krokodil nähern sich jeweils dem eigenen Kinde.

Sei froh, dass deine Freunde und Untertannen dein Kind so wie du es gewollt hattest nicht vernichtet haben, nur weil seine Haare weiß waren, sonder ihn in der Wildnis ausgesetzt haben. Du sollst eilen und das Kind suchen, weil die Bedeutung deines Traumes nichts anders zulässt, als dass dein Kind noch lebt.“

Sam rief die Untertanen, denen er damals den Befehl erteiltet hatte, seinen Sohn zu töten, zu sich und überhäufte sie mit vielen Geschenken.

Er fragte nach seinem Sohn und wo sie ihn gebracht hatten.

Nun gaben sie ihr Geheimnis preis und sagten, wo der Knabe war.

Schon am nächsten Tag mache sich Sam auf den Weg zum heiligen Berg Alborzkoh.

In der Nacht wieder träumte er von einem Jüngling, der an der Spitze eines gewaltigen Heeres schritt. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken ging je ein Mobadan (heiliger Mann!).

Einer von beiden trat auf Sam zu und sagte: Du hast deinen  Sohn verdammt, nur wegen seiner weißen Haare. Schau dich an, du bist auch weiß, wie die Blätter einer Silberpappel und von solch einem Menschen kann kein anders auf der Welt kommen.

Du Narr, ein Vogel hat mehr Verstand als du und Liebe zu seine eigenen Küken.

Sam schrie im Schlaf auf und erwachte.

Der Schmerz um den verstoßenen Sohn peinigte ihn und er weinte aus Angst, Gott könnte ihn seiner Grausamkeit wegen strafen, und eilte in derselben Nacht zum Berg Alborz.

Als er dort ankam, sah er den Berg mit den hohen Gipfeln, die bis zu den Sternen reichten und am höchst Gipfel lag ein Nest von Sandelholz  und mit Aloe gepolstert.

Neben dem gewaltigen Nest stand ein Junge mit weißem Harre schön wie ein Engel und stark wie ein Elefant.

Sam fiel auf die Knie, küsste die Erde und pries Gott Ahuramaza.

Er suchte nach einem Weg, um den Gipfel zu erreichen. Doch er verirrte sich.

Simorgh, der wundersame Vogel erkannte in ihrer ganzen Weisheit, dass der Mann nur der Vater des Jünglings sein konnte, der gekommen war um seinen Sohn zu suchen. Er bemühte sich seinetwegen den Felsen zu erklimmen bis er sich zu seinem verlassenen Kind hochgezogen hatte.

Sie wandte sich dem Jüngling zu und sprach: „Die Zeit der Trennung ist gekommen, da du mich nun verlassen wirst. Ruhm und Glanz erwarten dich.

Den Mann, den du siehst, der der den Felsen umklammert und  sich bemüht zu dir zu gelangen, ist dein Vater. So viel ich weiß, ist er ein mächtiger Fürst.

Seine Augen sind offen und sein Herz ist groß. Ich will dich ihm zurückgeben. Dir ist Unrecht geschehen, so nenne ich dich Dastan. Trage den Namen zur Erinnerung.“

„Ich tauschte dein Nest gegen kein Thron und Heer“, erwiderte Dastan, „den Berg nicht gegen die Stadt, die Sterne nicht gegen alle Reichtümer der Welt.“

Simorgh sagte: „Mein Sohn, dein Geist sucht diese Worte. Die Trennung macht mir auch zu schaffen und mein Herz ist schwer wie deines, aber dich erwart ein anders Leben und große Aufgaben stehen dir bevor. Du wirst sie erfüllen müssen. Wenn du mehr von der Welt gesehen hast, wirst du weniger Wert auf mein Nest legen und immer seltener hier erscheinen. Nimm einer meiner Federn! Wenn du in Gefahr bist - wenn du mich brachtest, wirf sie ins Feuer. So werde ich alsbald erscheinen und dir helfen. Nun geh! Aber vergiss mich nicht, denn ich bin deine Mutter.“ 

Darauf hin fasste Simorgh Dastan, schwang sich hoch empor und brachte ihn zu seinem Vater.

Als Sam den Sohn erblickte, erkannte er, dass er die Krone wert war, und bedauerte, dass der so blind war und sein Kind verstoßen hatte. Er nannte ihn Zal. Simorgh verschwand hinter die Wolken.

An diesem Tag schwor Sam und legte den Eid ab, Dastan-Zal hinfort kein Leid mehr zuzufügen und ihm jeden Wunsch zu erfüllen.

II

Später ergab es sich, dass Sam sein Land verlassen musste, um im Auftrag des Schahs gegen die Tyrannen ins Feld zu ziehen, weil sie die Grenzen Irans bedrohten.

Er rief die Mobedan zu sich und sprach: „Ich muss auf Geheiß des Schah `n` Schah gegen Tyrannen ins Feld ziehen.

Ich vertraue euch meinen Sohn an. Ihr wisst, er ist mir mehr Wert als alles was ich besitze- Mehr Wert als meine Zunge und meine Augen.

Lehrt ihm Klugheit, Milde und Geschicklichkeit und insbesondere die Liebe zum Volk. Bewahrt ihn vor Torheiten.“

Zu Dastan-Zal aber sagte er: „Ganz Sistan (eine Provinz im Südosten Irans) ist dir Untertan. Thron, die Schätze, all der Grund und Boden, die ich besitze gehören dir.

Dies ist mein letzter Rat an dich: Versammle nur aufrechte Ritter und weise Ratgeber um dich und denke an Ahura und gib den Bedürftigen reichlich, den Feinden tritt furchtlos entgegen, weil Ahuramazda immer mit dir war und ist.

Du bist so leer wie die Wüste. Wenn du keine guten und treuen Freunde hast und nur Feinde, dann bist du allein.“

Er drückte sein Sohn an sein Herz und zog ins Gefecht an die nördlichen Grenzen Irans.

Zal tat, wie der Vater ihm geraten. Arme wie Reiche priesen den jungen König.

Die Zeit ging ins Land, da verlangte es Zal, das Land zu bereisen. Mit einer Schar von Freunden zog er aus. Jeder Tag war wie ein fröhliches Fest. 

So geschah es, dass er überall den Namen eines schönen Mädchens vernahm. Rudabeh! Sie war die Tochter des Königs von Kabul.

Man erzählte, sie wäre so schön wie die Sonne, ihr Antlitz schöner als der schönste Tag, ihr Mund lieblicher als die Blüte des Granatapfelbaum, ihre Wimpern schwärzer als der Flügel des Raben und der Duft ihres Haares Ambra gleich, ihr schwarzes Haar der dunkelsten Nacht gleich und ihre Augen blauer als das tiefblaue Meer und sie glänzten heller als alle Sterne am Himmel.

Im Zal erwachte der Wunsch und das Verlang nach Rudabeh, ohne Sie vorher je gesehen zu haben. So kam er nach Kabul – eine freie Provinz Irans.

Als der Herrscher von Kabul Michrab, König von Afghanistan erfuhr, dass Dastan-Zal auf dem Weg nach Afghanistan war, zog er ihm entgegen und brachte ihm reichliche Geschenke.

König Michrab war jedoch ein Nachkomme von Zahak, der schlangenschulterige König der vor langer Zeit Iran regiert hatte und so viele junge Männer umgebracht hatte.

Michrab bot dem Sohn seines Herren Zal die prächtigsten Gemächer des Schlosses an.

Doch Zal wollte niemals mit einem Nachkommen von Zahak, dem ehemaligen schlangenschulterigen König unter einem Dach wohnen, daher befahl er seinen Freunden außerhalb der Stadt Zelte aufzuschlagen.

Seine Freunde waren der Meinung, dass Michrab der Geselle Ahrimans wäre und drängten ihn weiter zu ziehen.

Aber Dastan-Zal vermochte nicht weiter zu reisen ohne Rudabeh gesehen zu haben.

 

 

Lebensgeschichte des Zal

 

Je länger er in Kabul weilte, desto größer wurde seine Sehnsucht nach dem Mädchen.

Am Tage schaute er zur Sonne und in der Nacht zum Mond und zu den Sternen und dachte nur an Rudabeh. Sein Herz wurde von Tag zu Tag schwerer und schwerer.

Der Michrab war ein sehr schlauer Mensch und hielt seine Tochter in den Frauengemächern verborgen.

Auch Rudabeh erfuhr von Zal. Ihre Bedienerinnen erzählten ihr von seiner außergewöhnlichen Männlichkeit und Schönheit.

Sie hatten den Iraner gesehen und erzählten ihr, dass er so stark war wie ein Elefant. Sie erzählten ihr von seiner Anmut, von seiner Großherzigkeit und von der sonderbaren Haarfarbe.

 

Das Mädchen war zuerst neugierig und versuchte mehr über ihn in Erfahrung zu bringen, aber bald schlug die Neugierde in heißes Begehren um.

Rudabeh hatte fünf Sklavinnen, die ihr treu ergeben waren.

Als Rudabehs Verlang nach Dastan-Zal so groß wurde, dass Sie die Freude an den Spielen, Blumen und Tänzen verloren hatte, rief sie die fünf Dienerinnen und sprach zu ihnen: „Ich bin so verlieb ihn Zal und mein Verlang ist wie das wütende Meer. Ich möchte meine Ruhe wieder finden. So wie ich das sehe, kann ich sie nur bei Zal finden.

Ratet mir, denn ich bin verzweifelt und kenne selbst keinen Rat mehr.“

Aufgebracht liefen die Sklavinnen im ganzen Saal umher.

Sie fürchteten Michrab, dass er ihrer Herrin etwas Schlimmes antun könnte, wenn er dies erführe.

Sie dachten an das Begehren ihrer Herrin, welches gegen jede Sitte und Regel verstieß und daran was passieren würde, wenn dies jemals bekannt wurde.

So verfielen sie in Wehklagen und beschimpften den Iraner, obgleich  sie ihn zuvor noch gepriesen hatten und Schuld trugen, dass Rodabeh einen Mann liebte, den sie nicht lieben durfte. Sie sagten zu Rudabeh: „Wie kannst du einen Mann zum Gemahl nehmen, dem ein Vogel als Amme gedient hatte.  Du bist einen anderen Fürsten wert. Jung an Jahren ist der Gast aus Sistan, dennoch ist er ein Greis. Sein Haar ist der Beweis dafür.“

Voll Schmerz und Zorn war Rudabeh, als sie dies hörte.

Ihr Blick war betrüb.

Sie erwiderte und sprach: „Ich wollte von euch einen Rat - nicht solche Worte.

Hört zu!

Wenn eine Kuh Hunger hat, dann hat sie Verlangen nach Gras und man gibt ihr Grass und keine Knochen. Wer Gras säht, wird keine Rosen ernten. Und wenn einem Kranken Essig Heilung bringt, soll man ihm nicht Honig einflößen.

Meine treuen Dienerinnen! Mein Herz liebt einen Stern, und ihr wollt mir den Mond aufschwatzen. Redet mir nicht vom Kaiser des Abendlandes und vom König von China, wenn ich Dastan-Zal liebe.

Lasst mich allein, ihr begreift nur, was ihr begreifen könnt.“

 

Rudabeh war bestürzt über das Gespräch mit den treuen Sklavinnen und wollte sich zurückziehen. Doch ihre Sklavinnen umringten sie und sprachen, sie würden alles daran setzen, ihren Wunsch zu erfüllen.

Danach streiften die treuen Dienerinnen ihre schönsten Gewänder über, steckten Blüten ins Haar und eilten zum Fluss, wo am anderen Ufer Zal sein Zelt aufgeschlagen hatte. Dort pflückten sie Rosen, lachten und tummelten sich so lange, bis Zal sie entdeckte.

Zal wollte wissen, wer die Mädchen waren. Einer seiner Männer sprach: „Sie sind Rudabehs Dienerinnen, mein Herr!“

Zal, der nur auf solch eine Gelegenheit gewartet hatte, griff nach seinem Bogen und lief zum Fluss. Er tat so, als ob er zum Jagen gekommen wäre und spannte den Bogen. Sein Pfeil traf einen Vogel, der genau zu den Füssen der spielenden Mädchen herabstürzte.

Zal befahl einem seiner Soldaten ein Boot zu besteigen und den Vogel von der anderen Seite des Ufers zu holen und meinte, es wäre schade das erlegte Tier liegen zu lassen.

Kaum war dieser auf der anderen Seite angelangt, näherte sich ihm einer der Mädchen und fragte mit gespieltem Erstaunen: „Wer ist dein Herr, der so kraftvoll den Bogen spannen kann und den Vogel im Flug getroffen hat?“ 

Der Soldat war über die Frage des Mädchens sehr verärgert, da es den Anscheint hatte, als wüsste sie nicht wer sein Herr wäre.

So gab er zur Antwort: „Wer seid Ihr, dass Ihr solch eine dumme Frage stellet?  Wie könnt ihr meinen Herrn nicht kennen? Alle Welt kennt Dastan-Zal und ihr fragt mich, wer die Sonne und wer der Mond sei. Der König von Kabul muss ihm Zinsen zahlen und mein Herr ist so mächtig, dass wenn er etwas wollte aus diesem Land, es einfach mitnehmen könnte. Aber hier gibt es nichts besonders, denn ich sehe hier nicht von Wert.“

Das Mädchen lächelte schlau und sagte, der hohe Fürst würde seine Meinung schnell ändern, wenn er Rudabeh zu Gesicht bekäme. Sie wäre die Tochter des Königs Michrab.

So begann das Mädchen Rudabehs Liebreiz zu preisen. Sie erwähnte jedes noch so kleine Vorzug ihrer Herrin, die zarten Hüften, die weiße Haut, den feurigen Glanz in ihren Augen, der Silberhals und ihr nach Amber duftendes Haar.

Es ging noch eine Weile hin und her, ob die Herrin dem jungen König oder der König der junge Herrin über sei.

Nun aber erzählte das Mädchen von der Krankheit seiner Herrin. Rudabeh vergösse Tränen Tag und Nacht. Die Ärzte meinten, dass es nur einen Ausweg  zu ihrer Genesung gäbe. „Sie ruft nach deinem Herrein Stund um Stund. Und wenn Dastan-Zal klüger ist als du, dann braucht es nicht so viele Worte, um zu tun, was er tun sollte. Wir müssen handeln. Jede Minute, die vergeht, kann die letzte gewesen sein! Redet nicht soviel – handelt!“ rief das Mädchen mit traurigem Gesicht und Augen voller Tränen.

Der Soldat setzte wieder über den Fluss und berichtete Zal, was er erfahren hatte.

Nachdem er alles angehörte hatte, schickte Zal den Soldaten mit Schmuck und Edelsteinen zurück. Außerdem sollte der Soldat in Erfahrung birngen, wie es möglich wäre, dass er Rudabeh begegnen könnte.

Der Soldat übergab dem Mädchen die Geschenke und stellte die Frage.

Das Mädchen antwortete lächelnd: „Solch ein Geheimnis taugt nur für zwei! Hole deinen Herren!“

Der Mann ruderte zurück und nahm Zal auf das Boot und kam ein fünftes Mal über den Fluss ohne sich auszuruhen.

Bei diesem Treffen wurde vereinbart, dass Zal die Schwärze der Nacht nutzen und zum Schloss schleichen sollte. Rodabeh würde ihn erwarten.

 

Jede Stunde bis zum Abend erschienen Danstan-Zal wie ein Jahr.

Derweil ließ Rudabeh ihr Gemach mit Teppichen aus Indien und Goldbrokat aus China schmücken und  Wein mit Moschg und Ambar mengen. Sie streute Edlsteine auf den Boden und stellte goldene Schalen auf die Tische und Truhen. Das Zimmer duftete nach Rosen, Iranische Veilchen und Jasmin.

Es war eine wunderschöne Nacht. Der Mond lugte zart hinter den Wolken hervor.

Rudabeh stand am Fenster hoch oben im Schloss und wartete auf Zal.

Als Zah kam, glühten ihre Wangen, und ihr Herz schlug schneller.

Sie wünschte, der Himmel möge dem Geliebten zur Straße werden.

Zah dachte: „Wie oft habe ich zu Ahuramazda, zum Himmel und zum Stern des Nordens  geschaut und gefleht, er möge mir das Gesicht Rudabehes zeigen.“

 Rudabeh band ihr Haar los. Es fiel herab bis auf den Rasen, wo Zal stand. An einem lieblicheren Seil war er noch in kein Fenster gestiegen. Doch Dastan wollte Rodabeh keine Schmerzen zufügen, so warf er seinen Fangstrick um einen der Zinnen und zog sich mit seinen kräftigen Armen am Seil hinauf zu ihr

Die beiden küssten sich und berührten sich. Von jenem Augenblick an wurde ihre Liebe zu einander noch stärker und setzte sich tief in ihre Herzen fest. Erst das Morgenlicht trennte die Liebenden.

Freunde und Vertraute Dastan-Zals erzählten einander, dass die Liebe zu Rudabeh Zal schwer getroffen hätte. Manotschehr, ihrer aller Herr, würde niemals erlauben, dass Zal Rudabeh zu Frau nahm. Sie war aus dem Geschlecht Zahaks, der Feriedun verfolgt und getötet und sechzehn seiner Söhne ermordet und tausend Jahre Unheil über Iran gebracht hatte.

Da aber der junge König keine Ruhe gab, rieten sie ihm schließlich, er möge sich Sam anvertrauen. Nur er hätte Einfluss genug, um Manutschehr umzustimmen.

 

Zal schrieb einen Brief

 

 

So schrieb Zal einen Brief an seinen Vater.

Er schrieb, was vorgefallen war und wie es um sein Herz stand.

Weiters schrieb er: „Fragt mich nicht nach arm und reich, nicht nach hohem oder geringem Stand. Ich bin jung und besitze nicht die Weisheit meines Vaters oder die der Mobedan, aber das Schicksal ist so zart zu mir gekommen. Simorgh, dieser Wundervogel, der mich aufgezogen hat, lehrte mich, wie ich das Leben betrachten soll.

Warum sollte Michrab und seine Familie die Schuld, die andere zu verantworten haben, tragen?

Zahak ist schuldig.

Nicht jedoch ich und Rudabeh. Rudabehs Seele ist ohne jeglichem Makel, ihr Geist ist frisch und ihr Leib schön. Wieso sollte uns die Liebe versagt bleiben?

Wenn Ahnen gesündigt haben, bestraft nicht die Kinder! 

Vater, denke an dein Schwur, den du mir gabst, als du mich wieder gefunden hattest: mir die Wünsche zu erfüllen, da du mich, deinen einzigen Sohn verstoßen hattest.

Und ich sage dir, ich habe nur ein Verlangen und das ist Rudabeh.“

 

 

 

 

„O, Herrn! Dein Schatten soll immer über uns sein! Heil sei’s Du, Manotschehr! Sieg der Fahne des Kawe!

O, Herr! Ich bin Dein Sklave. Mein Thron ist der Sattel des Kampfrosses; meine Krone, der Staub der Schlacht. Ich habe die Kargasaren ( Kriege ) geschlagen, am Fluss Kaschaf, für Dich den Drachen getötet und für Dich viele Diws (= Ungeheuer) unterworfen! Und ich habe nie eine Belohnung verlangt. Nun bin ich alt und gehe gebeugt. Meine Lenden sind schlaff, die Keule in meiner Hand tötet keinen Drachen mehr, und das Fangseil schleudere ich nicht mehr wie damals sechzig Ellen weit.

Ich möchte mit Deiner Erlaubnis, meine Macht und meine Krone meinem Sohn Dastan-Zal übergeben.

Er wird Dir mehr nützen als ich es tun kann. Bedenke, Herr, weisester aller weisen Fürsten, dass ich meinem Sohn einen Eid gegeben habe, als Simorg, der heilige Vogel, ihn mir vom Alborz zurückbrachte.

Magst Du dies tadeln, dennoch verbrennt die Liebe zu Rudabeh meinen Sohn wie die Sonne den Tropfen in der Wüste. Es ist nicht meine Absicht, dich zu belehren – ich, der ich nur Dein Diener bin. O großer und gütiger Schah, die Welt gewinnt durch Großmut, und durch Rachsucht verliert sie.“

So schrieb Sam an seinen Herrn Manotschehr und gab den Brief Dastan-Zal, ließ ihn zu Manotschehr reiten und flehte Ahuramazda an, die Gnade walten zulassen für seinen Sohn.

Während Sam Zal fortschickte, spitzte sich die Situation am Hofe Michrabs zu.

Michrab suchte die Schuld bei seiner Frau und seine Tochter. Er ließ seine Frau rufen und verkündigte, dass er beschlossen hatte sie und seine Tochter, die schöne Rudabeh zu töten und sagte: „Es gibt keinen anderen Ausweg, um Manotschehr zu versöhnen und Kabolestan vor der Zerstörung zu bewahren!“

Sindocht war kein Mensch, der sich so einfach vom Leben verabschiedet wie ein Käfer im Sand. Die Angst vor dem Tod ließ sie für einen Augenblick erstarren. Die ganze Welt begann sich um ihren Kopf zu drehen.

Sie wusste, dass Michrab für die Macht, die er besaß und für sein Land alles tun würde. Trotz der Angst, die sie verspürte, versuchte sie mit einer List ihren Gatten umzustimmen.

So sagte sie: „Es liegt alles an dir, mein Gatte und Gebieter! Wenn du es für angemessen erachtest uns zu töten, dann bin auch ich deiner Meinung. Wenn unser Tod dein Leben und Kabolestan retten würde, soll dies geschehen. Ich fürchte mich nicht vor dem Tod.

Doch solltest du eines nicht vergessen, O, kluger Michrab: Manotschehr schickte

Sam aus um dich zuerst zu töten und erst dann mich und Rudabeh.

Danach soll er Kabolesten der Erde gleich machen. Dies zeigt, dass er die Gefahr bei dir wittert.

Du solltest eines nicht vergessen, wer seine Frau und Tochter tötet, bringt auch ihren Herren um.

So muss  Manotschehr Schah denken, wenn du unser Blut ihm schickst. Bedenke ein Versuch ist es Wert. Lass mich zu Sam eilen. Reiche Geschenke werden ihn nachdenklich machen und wenn er die Schätze von Kabolestan annimmt, wird er annehmen, dass dies ein Zeichen deiner Unterwerfung ist.

Weist er aber alles zurück, bleibt dir noch genügend Zeit, um deine Absicht durchzuführen, was du für unvermeidlich hältst.“

Natürlich war Michab schlau genug um zu merken, dass Sinndocht dies vorbrachte, um das Leben ihrer Tochter und das eigene zu retten. Dennoch machte ihn die  Unterhaltung nachdenklich, denn was sie vorbrachte, erschien ihm klug zu sein.

So befahl er ihr, so viele Geschenke zupacken, wie sie für erforderlich hielt und sagte noch, es dürfe nur nichts fehl am Platze sein.

Als Sindocht den Befehl hörte, ließ sie dreihunderttausend Goldmünzen in Kisten schütten. Sechzig Mägde trugen kostbare Gefäße gefüllt mit Perlen, Moschus und Edelsteine. Sechzig der besten Pferde wurden gesattelt, zweihundert Dromedare beladen und vier indische Elefanten mit kostbarsten Teppichen aus alle Welt geschmückt.

So ausgerüstet und selbst in kostbarem Gewand gehüllt, ging Sindocht zu Sam, der mit seinem Heer vor Kabolestan lagerte.

In der Nähe des Lagers ließ sie sich ankündigen.

Der Fürst Sam war erstaunt und überrascht, dass man ihm ein Weib als Boten sandte. Das widerfuhr ihm zum ersten Mal.

Er verlangte zu wissen, wer sie sei und welche Absichten sie hätte.

Sindocht war erst breit ihren Name preiszugeben, wenn er ihr Sicherheit gewehrte und dies auch geschworen hatte.

Das tat Sam auch und Sindocht gab sich zu erkennen.

Sie fühlte, dass es nicht die viele überragenden Geschenke waren, die Sam bewegte. Es war die Unerschrockenheit der Frau. Ihre Art, wie sie redete und ihre Gefolgschaft führte.

Sie bat, doch nicht ohne Stolz, flehte jedoch mit Vernunft. Und war sie nicht mehr die Jüngste, so blickte Sam sie doch mit Wohlgefallen an.

So sprach Sam, sie möge ihre Sorgen rasch vergessen. Kabolestan würde nichts Böses geschehen. Dastan-Zal sei unterwegs zum Schah.

„Und so wie ich unseren weisen Herrscher kenne und einschätze, was sollte ihn veranlassen, diesmal Unrecht vor Recht walten zulassen.“

Sam bewies sein Wohlwollen indem er die Geschenke annahm. So befahl er alle Schätze bei den Zelten seines Sohnes abzuladen.

Er bewirtete Sindocht wie eine Gleichgestellte und ließ sie mit Freude im Herzen zurückgehen.

 

 

Zal beim Manotschehr Schah

 

So wie es Sam vermutet hatte, fand Manotschehr Gefallen an Dastan-Zal.

Der Brief jedoch erfreute ihn weniger. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn Sam seine Befehle befolgt hätte und die Sache hinter sich gebracht hätte.

Er dachte: „Nicht nur das er, Sam mir nicht gehorcht hatte – nein – nun schickt er mir noch seinen Sohn und belästigt mich mit dieser Liebesgeschichte!“

Doch die Beharrlichkeit des alten Sam und die Geschichte des Jünglings berührten ihn und nach und nach wurde er weich. Dennoch wollte er die Angelegenheit überdenken. So sollte Dastan-Zal warten, er – Manotschehr – würde ihn dann zu sich rufen lassen, wenn die zeit reif wäre.

Es vergingen einige Tage. Manotschehr befragte die Sterne und betete zu Ahuramazda ihm die richtige und gerechte Antwort zu gewähren. Die Gestirne waren gut gesinnt und die Zeichen standen günstig.

Möglich, dass Dastan-Zals Liebe in wahrhaftig berührte, möglich dass die Sterne wirklich günstig standen, doch auch die weisen Männer, die Mobedan, waren der Geschichte gegenüber gut gesinnt, so dass Manotschehr sie gerne anhörte.

Da Sams Brief nur gutes über Zal zu berichten wusste, wollte der Schah nun selbst alles überprüfen und alles genau unter die Lupe nehmen. Er wollte herausfinden, was richtig und was übertrieben war.

So beschloss er, Dastan-Zal zu überprüfen. Er befahl, den Jüngling zu sich und sagte, er wolle ihm Rudabeh geben, vorausgesetzt, er wäre ein Pahlewan (= Kämpfer; klug), als der er allerorts geschätzt würde. Um dies zu prüfen, möge Zal einige Rätsel beantworten und diese auch lösen.

Der Schah winkte einen Mobedan zu sich und ließ Zal die erste Frage stellen.

„Was wäre dies?

Es sind zwei Rösser, das eine ist schwarz und weiß ist das andere. Sie laufen eines dem andern nach, aber sie holen doch einander nie ein?“

Manotschehr hob die Hand und der zweite Mobedan trat zu ihm.

Dieser gab das zweite Rätsel auf.

„Was ist das?

Zwei Bäume auf deren Kronen wohnen zwei Vögel. Sucht er den einen, welkt der andere. Sucht er den andern, bleicht der eine.“

Der Schah rief den dritten Mobedan und dieser stellte die dritte Frage.

„Was ist das?

Auf einem hohen Berg oder Felsen stand ein Haus. Die beiden Männer, die dort wohnten, zogen ins Tal und bauten für sich neue Häuser, die bis zum Himmel und zu den Sternen reichten. Der eine wurde Knecht, und der andere wurde Schah. Jeder sann auf seine eigene Lust und war der andere feindlich gesinnt. Da war vergessen das Haus auf dem Berg.

Hinweg gefegt von einem Sturm lag alles Hocherbaute. Und Knecht wie Schah sehnten sich nach dem Haus auf jenem Felsen.“

Nach einer langen Denkzeit erhob sich Zal, neigte das Haupt vor Manotschehr und sprach: „Die zwei Pferde, schwarz und weiß, sind Tag und Nacht. Und die beiden Bäume sind die Himmelshälften. Der Vogel ist die Sonne. Sein kommen lässt die Welt erblühen, sein scheiden lässt sie welken. Es war nicht schwer, diese zwei Rätsel zu lösen. Aber das dritte Rätsel ist von einer anderen Art. Dieses braucht mehr Schläue und ist mit einfachen Sinnen nicht zu erraten. Es bedarf der Weisheit und der Erfahrung eines langen Lebens, um es zu lösen.

Doch hat mich Simorgh manches gelehrt. Aber jetzt ist die Stunde da und ich muss antworten.

Meines Erachtens ist dies so zu erklären, der Mensch wird geboren, der Mensch wird sterben. Dies gilt sowohl für den Schah als auch für den Knecht. Sie errichteten Paläste, häufen Schätze an, sie verkaufen sich dem trügerischen Ruhm, so wie Eitelkeit des Hofes und die königliche Macht. Zum Schluss stürzt aber alles ein, zuletzt bleibt man allein und schaut man nach dem Fels, dem Haus, das man zuerst gebaut und doch verlassen hatte. Um dies Haus zu erreichen,  braucht man viel Kraft und ein tapferes Herz. Hat man sich jedoch durch Lügen verbraucht, an Schmeicheleien und Flitterkram verloren, sicht man am Weg dahin und ist schon tot bevor man stirbt.“

 

 

Zal eilt zu Rudabeh

 Manotschehr staunte über die Klugheit des Jünglings und auch die Mobedan lobten den lebendigen Geist Zals. Alle waren von seiner Heiterkeit und seiner Helligkeit ergriffen. Nun war Manotschehr Schah sehr froh über die Entscheidung Sams und hatte Lust zum Feiern bekommen. So  wurde die ganze Nacht bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, Tänzerinnen tanzten und das ganz Schloss war mit Kerzen hell erleuchtet wie der Mond in der Nacht.

Als der Tag anbrach verlangte es Dastan-Zal nach Rudabeh. Er hielt es nicht mehr länger am Hof aus. So bedankte er sich bei Manotschehr, küsste den Thron für die erwiesene Gnade und bat um die Erlaubnis, aufbrechen zu dürfen um seinem Vater die frohe Botschaft zu überbringen.

Der Schah wusste, dass Dastan-Zal zwar von seinem Vater sprach, wohl aber nur an Rudabeh dachte. Dennoch er war nicht bereit, den jungen Fürst so rasch ziehen zu lassen ohne ihn einer letzten Prüfung zu unterziehen.

„Es wundert mich, dass du so schnell zurückziehen willst. Wahrscheinlich hat es dir an unserem Hofe nicht oder wenig gefallen. Denn dir zu Ehren habe ich ein sportliches Kampfspiel vorbereiten lassen“, sagte Manotschehr schlau, „es geht nicht an, dass du dich dem entziehst. Müssten doch alle denken, dass du zwar beweglich in der Rede aber steif bist, wenn es gilt, die Keule zu gebrauchen.“

Manotschehr wollte sich nämlich auch von Zals Tapferkeit und Kraft überzeugen wie zuvor von seinem Geist. So befahl er ohne die Antwort Zals abzuwarten, die Trommeln schlagen und die Ritter zum Spiel hereinzulassen.

Sie kamen bewaffnet mit Speeren, Keulen, Bogen und Schwertern.

Manotschehr stand auf dem Dach seines Palastes, um alles genau beobachten zu können.

Viele der Ritter konnten mit einem Pfeilschuss ihr Ziel sicher treffen.

Nun rief der Schah Zal bei seinem Namen und zeigte ihm den dicksten Baum. Zal schoss den Pfeil mit einer solchen Kraft ab, dass er den Stamm durchschlug als wäre er aus Papier. Die Menschen ringsum erhoben sich voller Bewunderung.

Manotschehr gab den Befehl, die Lanzen zu erproben.

Zal ließ sich von einem Soldaten ein Speer bringen, sprang auf sein Pferd, galoppierte in das Getümmel hinein und durchbohrte mit einem einzigen Wurf drei Schilde.

Manotschehr rief, er wäre nicht mit dem Pfeil zu bezwingen, dann versuchte man es mit der Kraft der Arme.

Wieder ritten die Männer gegeneinander. Die Wunden plagten, aber ihr Mund lachte.

Zal wählte einen Gegner, der der beste unter den Soldaten war.

Dastan-Zal drang so heftig auf ihn ein, dass dieser es mit der Angst zutun bekam. Der Soldat versuchte das Pferd zu wenden, aber Zal ritt auf ihn zu und griff in seinen Gurt, hob ihn vom Sattel, schwang ihn hoch und schleuderte ihn zu Boden. Dem Ärmsten krachten die Knochen.

Nun wagte es niemand mehr, sich vor dem Dastan-Zal zu stellen.

Jedem schien es besser, Zal laut zu preisen, als von ihm verprügelt zu werden.

Alle riefen: „Heil dem Dastan-Zal! Heil dem Recken! Heil dem Löwen von Sistan! Heil dem Drachen!“

Das Rufen nahm kein Ende.

Manotschehr kam herabgestiegen und reichte dem jungen Helden ein Siegesgeschenk, wie er es noch keinem anderen zuvor gegeben hatte und ließ ihn abziehen.

Dastan-Zal schickte einen Boten zu Sam, seinen Vater und einen zu Michrab.

Michrab rief seine Frau Sindocht zu sich und teilte ihr die Botschaft mit. Diese eilte zu Rudabeh und überbrachte ihr die gute Nachricht. Angst hatte sich in Freude gewandelt, und die Alten wurden wieder Jung, die Jungen vergaßen das zurückliegende Leid und dachten nicht mehr an eine Vernichtung.

Alle waren berauscht und nahmen jenen Augenblick für die Ewigkeit.

Die Hochzeit dauerte sieben Tage und sieben Nächte.

In dieser Zeit war Kabolestan ein Paradies für alle Zecher und Schlemmer.