Drittes Buch des Königsbuchs

Die Geschichte von Rustam

Drittes Buch

Die Geburt Rustams

Teil eins :

Kurz nach der Hochzeit spürte Rudabeh in ihrem Leib die Bewegungen eines Kindes.

Ihr Leib schwoll an, und ihre Wangen wurden gelb. Die Last, die sie trug, war sehr bald so schwer, dass Rudabeh meinte, es wäre ein Stein in ihrem Körper oder ein Kind aus Erz. Sie traf die anderen Frauen schon lange nicht mehr und ihre Fröhlichkeit war verflogen. Sie lag im Bett ohne schlafen zu können. Sie war im Palast kaum mehr zu hören und wenn dann nur ihr Schreien, wenn die Schmerzen unerträglich wurden. Eines Tages schwanden ihr vor Schmerzen die Sinne und bewusstlos glitt sie zu Boden.

Sindocht, ihre Mutter raufte sich die Haare. Sie glaubte, ihre Tochter müsste sterben und lief klagend zu Zal.

Jammernd rief sie ihm zu: „Sie wird sterben, weil sie das Kind nicht gebären kann!“

Dastan Zal eilte zu seiner Frau, um Sie zu trösten und ihr beizustehen. Nichts half. Es schien sogar, als würde sie ihn nicht hören. Sie starrte ihn nur an.

 

 

Ihr Gemahl war ratlos wie die andern auch. Da erinnerte er sich an Simorgh. Er verlangte nach einem Glutbecken, entfachte darin ein Feuer und verbrannte eine Feder des Wundervogels, die er von Simorgh bekommen hatte.

Daraufhin verfinsterte sich der Tag und eine große Wolke erschien,

auf dem Simorgh saß und sich dann auf die Zinnen des Schosses niederließ.

Zal kniete sich vor Simorgh nieder und wollte seine Trauer in Worte fassen, als Simorgh ihn unterbrach:

„Vergiss dein Gram und trockne dir die Tränen. Rodabeh wird einen Knaben gebären, der dir und Iran zum Ruhme verhelfen wird, so dass die Löwen sich vor ihm in den Staub werfen und sogar die Wolken sich scheuen werden über sein Haupt zu ziehen.

Nun gib deinem Weib so viel Wein, wie sie nur trinken kann. Dann hole einen Mobedan, der sich auf die Heilkunst und Heilkräuter versteht. Gib ihm einen sehr scharfen Dolch. Er soll den Bauch der Schlafenden schneiden, den Knaben aus dem Leib herausziehen und den Riss wieder zunähen. Ich werde dir ein Kraut zeigen. Dieses stampfe in Milch, lasse es im Schatten trockne und streiche es auf die Wunde. Ist das geschehen, berühre die Naht mit meiner Feder.

Danach wirst du sehen, dass deine Frau gesund und munter sein wird.“

Simorgh rupfte sich eine Feder aus, und ließ sie zu Zal hinab gleiten. Daraufhin erhob sie sich hoch hinauf in die Lüfte bis sie nicht mehr zu sehen war.

Sofort begann Zal, wie ihm Simorgh geheißen hatte. Rudabeh war vierundzwanzig Stunden vom Wein berauscht. Als sie erwachte, lachte sie und redete mit ihrer Mutter so, als wäre ihr nie ein Seufzen entwichen. Sogleich verlangte sie nach dem Knaben, den man ihr unverzüglich brachte. Sie drückte ihn an ihre Brust, küsste ihn und sprach:“ Du ruhst an meinem Herzen, so sollst du Rustam heißen!“

Rudabeh indes dachte sich, dass man dem alten Sam die Nachricht überbringen müsste, dass ihm ein Enkelkind geboren wurde!

So ließ sie die Hofdamen eine Puppe aus Seide nähen. Diese stopften sie mit Zobelhaar aus, malten ihr zwei Sterne auf die Wangen, formten die Armen wie die Glieder eines Drachen und die Hände wie Löwenklauen, legten ihr Speer und Keule bei, setzten sie auf ein Ross und ließen sie von diesem zu Sam tragen.

Der alte Sam schlug das Herz vor Freude.

Er rief: „Wenn mein Enkelsohn nur halb so groß wird, wie dieser Seidenbalg verspricht, dann wächst sein Haupt bis in die Wolken hinein und die Elefanten werden sein Spielzeug sein.“

Er überschüttete den Boten mit Gold und Silber, der ihm die Puppe gebracht hatte.

Rustam brauchte zehn Ammen, um satt zu werden. Bald schon genügte ihm Milch allein nicht mehr. Er verlangte nach Brot und Fleisch. Mit acht Jahren verzehrte er das, was fünf Männer satt gemacht hätte. Alle waren erstaunen, wie der Knaben so viel essen konnte.

Eines Nachts, Dastan Zal war betrunken in den Frauengemächern eingeschlafen, erhob  sich plötzlich im Hof ein lautes Geschrei.

Der weiße Kampfelefant des Herrschers hatte sich losgerissen und bedrohte die Menschen im Schloss.

Durch den Lärm erwachte Rustam, stürzte zum Fenster und sah das rasende Tier. Sogleich ergriff er die Keule, um sich dem Elefanten entgegenzustellen. Doch die Wächter wollten den Jungen nicht hinauslassen. Sie fürchteten um sein Leben und konnten sich lebhaft die Bestrafung dafür ausmalen.

Rustam war so erzürnt, dass er einen der Wächter am Nacken packte und so herumschleuderte, dass dem armen Mann alle Sinne schwanden. Die anderen flohen daraufhin.

 

 

 Der Knabe zertrümmerte mit seiner Keule Riegel und Bänder des verschlossenen Tores und rannte auf den schnaubenden Elefanten zu, um ihm mit einem Schlag das Haupt zu zerschmettern. Daraufhin ging er zurück in sein Zimmer und schlief bis in den späten morgen hinein.

Als Dastan Zal am nächsten Tag von der nächtlicher Geschichte erfuhr, bedauerte er natürlich den Verlust des schönen Tieres. So manchen Feind hatte sie während der Kriegszüge in die Flucht geschlagen. Nun lag er mit zerschmettertem Kopf am Boden, getötet im Übereifer seines Sohnes.

Obwohl er jeden andern für diese Tat in den Kerker geworfen hätte, lobte er die Furchtlosigkeit und die Kraft seines Sohnes

Zal wusste  aber auch, dass nur Mut und Stärke allein einen Mann nicht zum Helden machte. Ohne Verstand war der tapferste Krieger leichte Beute.

Die Zeit war gekommen, seinem Sohn das beizubringen, was ihn stärkte.

Zal rief Rustam zu sich und sprach: „Such dir deine besten und vertrautesten Leute zusammen und ziehe mit ihnen zum Berg Sepand. Zerstöre das weiße Schloss am Berg.

Die Feinde Irans nehmen dieses Schloss als Zufluchtsort. Von dort ziehen sie aus, um das Land auszubeuten.

Vergiss nicht, dein Urvater, der große Nariman, wurde vor den Toren dieses Schlosses durch einen Steinschleuder getötet. Dein Großvater Sam hat vergeblich versuchtet das Schloss zu erobern. Doch dies gelang ihm nicht.“

 Rustam suchte sogleich seine Männer auf und befahl einen sofortigen Aufbruch. Er wollte keine Zeit verlieren und sofort zum weißen Schloss aufbrechen.

Zal musste über die Hast seines Jungen lachen. Er wartete bis der Jüngling zu ihm kam, um sich zu verabschieden. Da reichte ihm der Vater einen Becher Wein und gebot ihm, sich zu setzen.

Rostam gehorchte, aber war voller Ungeduld, und zappelte mit den Füßen, während sein Vater trank, einen Becher, noch einen und noch einen dritten. Schließlich drehte sich Dastan Zal zu seinem Sohn und sagte: „Wollte ich dich jetzt ziehen lassen, es wäre der letzte Schluck, den wir miteinander trinken. Um den weißen Schloss einzunehmen, bedarf es zuerst Köpfchen, dann die Kraft der Arme.

Lieber Sohn, ich gebe dir den Rat, als Karawane getarnt dich dem Schlosse zu nähern. Belade die Kamele mit Salz und bekleide dich wie ein Kaufmann. So das jeder denkt, du seiest ein Salzhändler. Deine Männer sollen sich als Frauen verkleiden und dann zieht hinauf zum Berg Sepand.

Denk daran, dass sie dich reich bewirten werden, also greif nicht sofort zur Keule und schlag nicht um dich. Trink ihren Wein, iss ihr Fleisch, singe ihre Lieder.

Vergiss niemals, mein Sohn, was die Geschichte lehrt: Wer an einem Tag ein Held werden will, wird am zweiten Tag von den Geiern gefressen!“

So sprach Dastan Zal und Rustam tat wie sein Vater ihm geheißen hat.

Wie Zal seinem Sohn vorhergesagt hatte, ließ der Burgherr des weißen Schlosses der Karawane das Tor öffnen und auf seinem Befehl hin wurde gleich ein Marktag ausgerufen.

Einer zahlte mit Geld, ein anderer mit Tüchern, ein dritte mit Fellen.

Der Burgherr konnte nicht ahnen, dass Rustam bereits durch seinen Vater vor ihm gewarnt worden war.

Rustam und seine  Leute tranken den Wein, aßen das Fleisch und sangen die Lieder von Sepand.

Der Schossherr war zufrieden, da er glaubte, sein Plan die Menschen ermorden zu lassen, um das gesamte Vermögen der Karawane in seinen Besitz zu bringen, wäre bereits im vollen Gange.

Dastan Zal hatte einen alten, klugen Mann Rustam zur Seite gestellt, der ihn auf dieser Reise begeleitete und nicht zuließ, dass sein Sohn und die Begleiter als tote Männer Sarawan verließen.

Rustam war ein unerfahrener Junge  und sein Herz war so klar wie das Wasser. Er konnte nicht glauben, dass so gutmütige Menschen, die ihn und seine Leute so freundlich empfangen hatten, sie heimtückisch ermorden wollten.

Indes ließ der Mobedan, jener alte Mann, seinen Schützling keine Sekunde aus dem Auge.

Als die Dunkelheit hereinbrach, nahm der Mobedan seinen jungen Herrn beiseite und sprach: „O Herr, tapferer Fürst, dein Vater, unser Gebieter, lässt dir durch meinem Mund sagen,

Ein Freund zeigt sich in Form eines offenen Gesichtes. Ein Feind jedoch lohnt deine Ehrlichkeit mit harten Schlägen. Rührt dich sein Leid, wirst du bald über deinen eigenen Tod weinen.

Denke an die Vergangenheit und an die vielen Menschen, die durch diese Leute ihr Leben verloren haben.“

Noch in der gleichen Nacht standen die Häuser auf dem Berg Sepand in Flammen. In den Straßen floss Blut. Im weißen Schloss bleib nicht ein Mann am Leben.

 

 

Als die Sonne aufging, sah Rustam vom Dach des Palastes auf die verwüstete Stadt hinunter. Sein Heer jubelte ihm zu, aber er blieb stumm.

Hinter ihm stand der Mobedan und sprach zu ihm: „Wie willst du die Lämmer schützen, wenn du den Wolf nicht tötest?

Fehlt der Hirt, werden die Wölfe die Schafe töten.“

 

Teil zwei

 

Als Manutschehr starb, übernahm sein Sohn Sam Naudhar die Herrschaft über Iran.

Aber er wurde von den Turanen gefangen genommen und enthauptet. Es kam die Zeit, da der Thron Irans verwaist und das Land ohne Schutz war.

Die Turanen überschritten den Grenzfluss Djihun und überfielen die Iraner. Die Menschen flohen nach Sabul (liegt im Zentrum der Provinz Sistan).

Sie schrien laut nach Dastan Zal und einer trat vor und sprach: „O, Herr! Sind deine Ohren taub und deinen Augen blind geworden? Das Volk leidet Not, Du aber gibst dich der Lust hin. Irans Thron wurde von den Turanan geraubt und du lässt Zimbeln spielen. Afrasiab, der Sohn des turanischen Schahs hat den Djihun überschritten. Er ermordet jeden Iraner, der ihm begegnet und nimmt all sein Besitz. Sein Heer verdunkelt die Sonne.

O, Großer Herrscher! Weißt Du nicht, was zu tun ist, damit wir wieder in unserem eigenen Land so glücklich werden wie zuvor?“

Da Sprach Dastan Zal: „Was redet ihr, ich habe Manutscher gedient und Naudhar, den Afrasiab ermordet hat. Zau folgte wiederum auf Naudhar und auf Zau Garschasb. Nun sind sie alle tot. Sagt mir, habe nicht auch ich das Recht, alt zu werden?

Mein Rücken ist gekrümmt. Meine Schenkel sind schwach. Meine Arme können den Bogen kaum spannen wie einst, als Manotscher meine Kraft erprobte.

So stellt mir ein Rätsel, und ich will es noch lösen, aber die Keule schwingen müssen Jüngere. Ich werde sie meinem Sohn geben. Sie wird ihm bestimmt nützlicher sein als mir.“

Als das Volk diese Worte ihres Fürsten hörten, kehrte die Hoffnung zurück.

Dastan Zah wandte sich an Rostan und sagte: „Du hast in deinem kurzen Leben bereits sehr viel gelernt. Du hast mit nur einem Hieb den rasenden Elefanten getötet und das weiße Schloss auf dem Berg Sipand durch List eingenommen. Jetzt ist die Zeit gekommen, größere Aufgabe zu übernehmen.

Voller Sorge lasse ich dich ziehen, mein Kind.

Dein Mund riecht noch nach Milch, aber trotzdem sollst du gegen Afrasiab,  dem Heeresführer der Turanen, ziehen.“

Und als Rustam ausrief, jetzt wäre nicht die Zeit, sich feige zu verkriechen, sondern Löwen zu werfen machte einen Mann aus. Müßiggang wäre etwas für Weiber, deren Namen niemals groß würden, da sie nur essen und schlafen würden.

Voller Trauer und doch auch Freude betrachtete Zal Rustam. Er wusste, weiße Elefanten und auch der Berg Sepand waren vergnügliche Ritterspiele gegen das, was ihm nun bevorstand. Den nun stand er vor einem richtigen Schlacht, wo der Staub aufgewirbelt würde bis hinauf zum Mond.

Er wollte nur das Beste für seinen Sohn. So gab er ihm die Keule von Sam.

Um das stärkste Pferd aller Zeiten zu finden, ließ er sämtliche Herden aus Sabul und Kaublestan an seinem Sohn vorbeimarschieren.

Rostam prüfte die Brandzeichen der Tiere.

Jedoch war keines der Pferde gut genug. Wenn er einem Pferd die Hand auf den Rücken drückte, bog es sich durch und lag mit dem Bauch auf der Erde. Endlich gewahrte er eine graue Stute. Ihre Brust hielt den Vergleich mit einem Löwen stand und ihre Ohren waren wie blitzende Dolche. Ihr folgt ein Fohlen, nicht weniger kräftig wie das Muttertier. Es hatte schwarze Augen, schwarze Hoden und stampfte wild mit den Hufen auf als wären sie aus Eisen. Es war ein Schecke. Als Rostam das Fohlen sah, griff er nach dem Fangseil.

 

 

 Ein alter Hirte aber, der die Herde begleitete, rief ihm zu: „Nehmt kein Ross, O Herr, das anderen gehörte!“

Rostan war verwundert über diese Worte. Die Schenkel des Tieres waren ohne Brandzeichen. Also gehörte es niemandem.

Der alte Hirte erwiderte: „Sucht nicht nach Brandzeichen. Niemand kennt seinen Herren. Wir nennen es nur „Rakhsch“. Keiner weiß, wie es zu diesem Namen kam. Schon manche Fürsten begehrten das Tier.

Doch sieht seine Mutter die Fangleine und Eure blitzartigen Bewegungen,  glaubt sie, ihr Fohlen sei in Gefahr, rast sie sodann auf den Werfer los.

Hüte dich“, ruft der alte Hirte noch einmal, „glaubt sie, ihr Fohlen wäre in Gefahr, springt sie einem Drachen gleich, auf Euch zu. Selbst Löwen und Tiger graut es vor ihr.“

Die Worte des alten Hirten steigerten den Willen Rostams, Rakhsch zu besitzen.

Er warf dem Fohlen die Schlinge über den Kopf. Da stürzte auch schon die Stute wie ein wilder Elefant auf ihn zu. Rostam brüllte so laut auf, dass sie scheute. Seine Faust traf ihren Nacken, so dass sie zu Boden stürzte. Sie lag eine Weile zitternd da, sprang dann auf und floh mit fliegender Mähne zurück zu ihrer Herde.

Rostam stemmte die Füße auf den Boden und zog den Knoten der Fangschnur fester. Dann drückte er eine Hand auf den Rücken des Schecken, doch  Rakhsch schien den Druck gar nicht zu spüren.

So rief Rostan sehr laut: „Das ist mein Platz!“

Er wandte sich um zu seinem Vater Dastan Zal: „Auf den Rakhsch will ich in die Schlacht gegen Afrasiab reiten.“ Zum Hirten sprach er: „Was ist der Preis für dieses Pferd?“

Der Hirten antwortete:„Bist du Rostam, so nimm das Tier und gib der Welt die Ordnung zurück.“

Rostam lachte bei diesen Worten auf.

Aber Dastan Zal ließ die Trommeln schlagen.

Er schwang sich auf den Rücken des Pferds und stürmte davon, so dass kein anderer ihm mehr folgen konnte.

 

Teil Drei

 

Obwohl der alte Dastan Zal schwach war, ritt er an der Spitze seines Heeres gegen die Toranener.

Zu jener Jahreszeit stand das Gras saftig hoch und die Rosen standen in voller Blüte. Die Hufen der Pferde stampften die Blumen nieder und das Gebrüll der Elefanten übertönte den Gesang der Vögel.

Die Schreie der Soldaten gepaart mit den Trommeln war ein Lärm, dass man glaubte, die Toten aufwecken zu können.

Als das iranische Heer sich den Toranern bis auf zwei Farsang (gute 3 Kilometer) genähert hatten, befehl Dastan Zal haben den Soldaten die Zelte aufzuschlagen.

Noch hielt Afrasiab sein Heer zurück und auch Dastan zögerte mit dem Angriff.

Dastan Zal sammelte die Fürsten seines Heeres um sich und sprach zu ihnen: „Am Rand des Wassers lagert das Heer der Toraner. Ihr seid die beste Kämpfer und kampferprobte Männer und doch - fehlt auf unserer Seite etwas wesentliches. Das     ist ein Befehlhaber - einen Schah. Was ratet ihr? Wir können doch nicht gleich einem Blinden, eine Keule nehmen und gegen einen Drachen schwingen und glauben, dass wir ihn besiegen könnten?!

Die Toraner werden nicht eingreifen, solange ihre Kundschafter unsere Stärke nicht ausgeforscht und eingeschätzt haben.

Ich schlag vor, dass wir diese Zeit nutzen, um einen neuen Schah zu wählen.

Mir ist bekannt, dass sich ein Nachkomme Feriduns ins Gebirge zurückgezogen hätte. So viel ich gehört habe, gilt er als sehr tapfer, gerecht und weise. Sein Name ist Kieghobad.“

Dann befahl er Rostam: „Nimm einige Männer und reite zum Berg Alborz!

Gönne dir weder beim Schein der Sterne noch in der Glut der Sonne Ruhe! Erbringe

Kieghobad unseren Gruß und sage, was zu sagen ist!“

Rostam verneigte sich vor seinem Vater und suchte ein paar Männer, denen er vertraute und eilte noch zur selben Stunde zum Alborzkoh. Sie waren keine halbe Stunde geritten, da stellten sich ihnen die Vorposten der Toraner in den Weg und versuchten, sie aufzuhalten.

Mit einem wütenden Schrei stürzte  Rostam sich auf den Feind. Er schwang die Keule, schlug rechts und links, so dass die Toraner entsetzt  zurückwichen. Sie flohen vor ihm und suchten Afrasiab auf, um ihm zu berichten, wem sie begegnet waren.

Als Afrasiab die Geschichte hörte, rief er nach Kelun, einen listigen starken Mann. Er befahl ihm, Rostam zu verfolgen. Doch gelang es Kelun und seine Männer nicht, die Iraner einzuholen. Deswegen verbargen sie sich längs des Weges hinter Felsen und warteten auf die Rückkehr Rostams und auf  Kieghobad, denn sie ahnten, wem dieser Ritt galt.

Inzwischen ritten Rostam und seine Soldaten dem Alborzkoh entgegen. Er ruhte  weder beim Schein der Sterne noch in der Glut der Sonne. Bis der Berg Albolz vor Ihnen lag. Er blickte zum Berg hinüber, welches Wolken verhangen war. Dort wohnte der Wundervogel Simogh. In den Bergen fand er ein Palast umgeben von Wald und sprudelnden Quelle.

Nahe einem Bach war ein Thronsitz erreichtet. Er war mit kostbarsten Teppichen behängt und duftete nach Moschg (duftende Parphan) und Rosenwasser. Auf dem Thron saß ein Jüngling. Um ihn herum standen Pahlewanen (mächtige Krieger).

Alle waren hoch erfreut, als sie Rostam erblickten.

Der Jüngling begrüsste die Fremden und sprach: „Wer du auch sein und auch heißen magst, reite nicht vorbei, ohne unser Gast gewesen zu sein. Iss unser Fleisch, trink unseren Wein und erzähle, was du in der Wüste und im Gebirge gesehen hast.“

Rostam erwiderte: „O, Herr ! O, Gott Gesegneter! Irans Grenzen wurden von Feinden überfallen und bedrohen nun das gesamte Land. Der Thron ist ohne Herrscher, das Volk ist voller Angst. Wie soll ich da ruhen und zum Becher greifen. Erlaube uns, ohne rast zum Alborzkoh zu ziehen. Von dort erhoffen wir die Rettung. Wollt Ihr das Leiden lindern, so zeigt uns den Weg zu Kieghobad. Das Volk ruft nach ihm. Ich bin Rostam, der Sohn Dastan Zals, und bin verpflichtet, Kieghobad zu huldigen.“

Als der Jüngling Rostam so sprechen hörte, erhob er sich, reichte dem Gast einen Becher Wein, hielt ihm den seinen entgegen und sprach: „Den, den du suchst, der bin ich.

Mein Volk und mein Thron verlangen nach mir, so will ich den Ruf erhören und den Alborz verlassen, der mir über all die Jahre meine Heimat war.“

Rostam beugte das Knie, aber Kieghobad hieß ihn aufstehen. Er sagte: „Leere mit mir dein Becher, auf das es im Iran Ruhe und Glück für das Volk zurückkehren möge.“

Kurz darauf jagten sie Seite an Seite durch die harten Wüsten, vorbei an Felsen und blühenden Oasen. Sie gönnten sich und den Pferden keine Rast. Der Durstige blieb durstig, der Erschöpfte erschöpft. So langsam nährten sie sich dem Ort, wo Kelun und seine Leute sich versteckt hielten.

Kelun und seine Männer sprangen aus dem Hinterhalt und griffen an. Ohne zu zögern rief  Kieghobad seine Gefährten zum Kampf auf, noch bevor die Toranen zu den Schwerter griffen.

Doch Rostam hielt ihm zurück und sagte: „Erhabener Fürst! Begehre du nicht Streit mit Leuten, die deiner nicht würdig sind.“

Da erhob Rostam die Keule wie eine Harpune und flog mit Rakhsch - so wird berichtet - allein auf die Toraner zu.

Jeder Mann, der sich ihm in den Weg stellte, den stürzte er vom Pferd. Kelun durchbohrte er mit dem Speer, so dass er wie ein Vogel am Spieß zu Boden fiel. Die Toraner, die jenen Kampf überlebten, überlebten nur weil sie flüchten konnten.

Seine Verbündeten staunten und erschauerten, die Feinde jedoch erzitterten vor solch einer Kraft, die in einem einzigen Menschen schlummerte.

Und wer diese Geschichte nicht glauben möchte, soll zum Alborzkoh ziehen und Spuren suchen, die Rostams schwerer Fuß in die Felsen gedrückt hat. 

 

Als der Mond zweimal aufgestiegen war, erreichten sie das Lager der Iraner.

Rostam führte Kieghobad zu seinem Vater.

Er schwieg jedoch über die Schlacht, die er ganz alleine geschlagen hatte.

Sieben Tage lang berieten die Mobedan, ob Kieghobad für Iran der richtige Schah wäre. Und da die Sternentafeln prophezeiten, dass es keinen würdigeren gab, wurde  ein Fest gefeiert, der sieben Tage und sieben Nächte dauerte.

Am achten Tage aber führte man Kieghobad zu einem Thron aus Elfenbein und setzte ihm Irans Krone aufs Haupt.

 

 

Vierten Teil

Nach jedem Schmaus kommt das Jammern und jedem Fest folgt die Not.

Als das Heer der Iraner mit dem der Toraner zusammen stieß, wuchs auf dem Schlachtfeld die Zahl der Toten. Das Geschrei der Verletzen reichte bis zum Himmel und zur Sonne hinauf, so dass sie drohten aus der Bahn herausgeschleudert zu werden.

Noch gab es keine Sieger oder Verlierer.

Für Rostam war diese Situation schwer zu ertragen, deshalb stürmte er zu seinem Vater und rief: „Zeige mir Afrasiab, ich will ihn beim Gürtel packen und durch den Sand schleifen.“

„O, mein Sohn!“ erwiderte Dastan Zal, „halte dich von ihm fern. Er hat  Naudhar-Schah ermordet, selbst seinen eigenen Bruder hat er erschlagen. Afrasiab ist ein Feuer spuckender Drache.

Schau her, sogar seine Fahne ist so schwarz wie sein Panzerhemd auf dem ein Busch schwarzer Feder prangt.

Die Diewe (Dämonen) selbst stehen ihm zur Seite und er ist bekannt für sein Glück auf den Schlachtfelder.“

Die Sorge um des Sohnes Leben, hörte Rostam gerne, jedoch war er, trotzdem er gerne etwas anderes gehört hätte,  keineswegs beeindruckt von dem, was sein Vater über Afrasiab gesagt hatte.

Rostam wollte keine Zeit verlieren, außerdem wollte er unbedingt jenen Mann kennen lernen, der, nach der Beschreibung seines Vaters, so tollkühn schien.

Er trieb Rakhsch vor das Heer der Toraner und verlangte mit lauter Stimme nach  Afrasiab.

Als Afrasiab erfuhr, dass Rostam, dessen Keule seine Soldaten fürchteten, der Sams Enkel sein musste, da auch der Stierkopf auf seiner Keule darauf hindeutete, ritt er, während seine Krieger ihm einen Weg zwischen sich frei machten, auf Rostam zu.

Kaum erspähte dieser den Heeresführer der Toraner, drückte Rostam seine Schenkel fest an den Leib Rakhschs, sprang auf Afrasiab zu und fasste ihn beim Gürtel.

Er wollte jenen gefürchteten Mann lebend zu Kieghobad bringen, damit sein Name – Rostam bis in alle Ewigkeit in aller Munde wäre. Aber der Riemen riss. Afrasib stürzte in den Staub. Seine Soldaten umringten ihn sogleich. Rostam biss sich vor Wut in den Finger. Er versuchte es ein zweites Mal und streckte seinen Arm aus und es gelang ihm, Afrasiab den Helm vom Haupt zu reißen. Dann brach er ins feindliche Heer ein. So entstand ein Wirbel unter den Toranen, die der Mut verlassen hatte. Sie stoben auseinander. Afrasiab hatte keine Gewalt mehr über sein Heer und so floh er in die Wüste, um sein eigenes Leben zu retten. Er überquerte den Fluss Djyhun, ruhte sieben Tage am Ufer des Flusses und überlegte, wie er diese schmachvolle Niederlage seinem Vater, dem Schah von Turan, vermitteln sollte. Er fürchtete den Tadel und Hohn.

Schließlich nahm er all sein Mut zusammen und trat vor dem Herrscher und sprach: „Ich komme ohne Sieg und du magst mich schmähen. Vater, mein Arm ist nicht schwächer geworden, mein Mut auch nicht geringer. Aber in Rostams Hand bin ich wie ein Schilfhalm. Lässt er seinem Pferd die Zügel, ist für ihn alles gleich. Ob Fluss, Weg, Tal oder Berg. Ihn trafen mehr als tausend Keulenschläge, aber er steht da wie ein Fels. Es war nicht recht, mein Vater, dass du mir befahlst, den Djihun zu überschreiten. Mit den Iranern war Frieden geschlossen. Ich sage dir, wer sein Wort bricht, erwirbt  einen bösen Namen. Läuft der Ruhm von Land zu Land, die Schande ist schneller.

Mein lieber Vater, so viel ich weiß Feridun hat sein Reich geteilt. Er gab uns Turan, und wir wollen es auch so belassen. Mach es! Ich bitte dich, schließe Frieden mit  Kieghobad. Weiß du, O, großer Herrscher, zehntausende Frauen klagen um ihre Männer. Wie viele sollen  noch ihr Leben lassen?“

Es wird überliefert, dass der Schah von Toran geweint haben soll. Viele behaupten,

dies geschah, weil die Worte seines Sohnes in betroffen machten, andere wiederum weil die Iraner ihn in jener Schlacht bezwungen hatten. Unbestritten ist jedoch, dass

Afrasiabs Vater den Rat befolgte und eine Friedensangebot an Kieghobad schickte.

Darin war zu lesen: „Wie du weißt, verteilte unser Urgroßvater sein Reich unter seine Söhne Salm, Tur und Iradj. Mögen diese Grenzen so bleiben, wie einst unser Ahne es gewollt hatte und wie es auch rechtens ist, auf dass Weh und Klage für alle Zeiten aus der Welt verbannt werde. Greifen wir nicht mehr zum Schwert und zur Keule. Diese sind Macht und Besitz nicht wert. Zuletzt wird noch jedem vom Boden, den er einmal besaß, nur so viel zuteil, wie sein Leib misst. Wir wollen an das Heil unserer Völker denken.

Mögen sie uns Frieden und Glück bringen.

Der Schah von Toran schrieb noch einiges mehr über den Ruhm Kieghobad, die Taten Rostams, die Weisheit Dastan Zals und die Unerschrockenheit des Schmiedes Kawe.

Ob er es freiwillig schrieb oder weil er als Besiegter einen ihm günstigen Frieden suchte, ist nicht überliefert worden.

Berichtet wird, dass Rostam diesem Brief misstraute. Er riet dazu, den errungenen Sieg zu nutzen.

So Sprach Rostam zu seinem Schah Kieghobad: „O, mein Schah an´ Schah, als  die Toraner über den Djihun setzten, haben sie nicht ein Augenblick an Frieden gedacht. Erst nach dem meine Keule sie zur Einsicht brachte, fingen sie alles noch einmal zu überdenken. Suche nicht  im Krieg den Frieden, wenn du im Vorteil bist!“ Aber Kieghobad Schah wies ihn mit diesen Worten zurück: „Rache bringt für die Welt keinen Nutzen. Beschütze, was dir gehört, jedoch reiße niemals fremdes Land an dich. Geh also! Ich überschreibe dir die Keschwars (Provinz, Land) von Sabol (Südosten des heutigen Irans) bis nach Indien. Nimm die Krone von Nimros (Königs Krone) und mache dich und deine Untertannen glücklich und zufrieden!“ 

Und so geschah es, dass Kieghobad seiner Vernunft folgte und den Iranern hundert Jahre lang ein weiser und gütiger Herrscher war. Er ließ Dörfer und Städte bauen, gab den Hungrigen Brot und den Durstigen Wasser. Er lebte nach dem Spruch: Wer hat, genieße und teile mit dem Volk!

 

Als er spürte, dass seine Zeit zu Ende ging, rief er nach seinem ältesten Sohn, Kikawus und sprach: „Meine Zeit ist um, mein Bündel ist gepackt. Mir ist, als sei ich eben erst fröhlich von Alborzkoh hergezogen. Lass mir den Sarg, nimm du den Thron und denke daran: Glück und Macht vergehen. Heute hebt dich die Welt empor, morgen stürzt sie dich in den Abgrund. Fängt dich die Gier in ihrem Netz, kommst du darin um.“

Er setzte seinem Sohn die Krone aufs Haupt und starb.